Hallo,
bei Zementestrichen wird häufig eine Verformung beklagt. So wie ich verstanden habe, schüsseln Estriche in den ersten Wochen und Monaten. Dies wird durch die Trocknung verursacht, die zu einer Schwindung führt. Der Estrich trocknet an der Oberseite schneller als an der Unterseite, zieht sich oben stärker zusammen und stellt so die Ecken hoch. Wenn die Estrichplatte vollständig durchgetrocknet ist, senken sich die Ecken wieder auf die eingebrachte Höhe ab.
Nur warum fallen im Laufe der Zeit die Ecken noch herunter und es stellt sich teils sogar ein Buckel in der Mitte ein? Am schnelleren Trocknen an der Unterseite kann es doch wohl nicht liegen? Kann mir diesen Effekt jemand erklären?
Danke,
Jojo_
Hallo Jojo,
konkaves oder konvexes Schwinden gibt es nicht, das nur am Rande.
Was Du meinst, sind konvexe oder konkave Verformungen.
Das (konvexe) Schüsseln von Zementestrichen hattest Du bezüglich der Ursache bereits richtig beschrieben.
Die sogenannte Rückschüsselung von Estrichkanten, wenn sich die Randbereiche damit auf der Dämmunterlage aufstützen, hat ähnliche Ursachen. Wann tritt der Effekt auf? Meistens nach einigen Jahren. In dieser Zeit ist auch die untere Randzone des Estrichs in einen Feuchte-Ausgleichszustand zum restlichen Estrichgefüge getreten.
Eigentlich müsste nun so alles in Ordnung sein.
ABER!
Unvermeidbare Feuchteeinflüsse wirken sich über die Randugen nun auf die OBERE Estrichrandzone aus (bis nach "unten" kommt sie nicht, da sie vorher abgefangen wird).
Bedeutet: der Estrich verfügt nun OBEN über eine (etwas) größere Ausgleichsfeuchte und versucht, die mit Quellen (Längenvergrößerung) der oberen Ranzone verbundenen Spannungen abzubauen.
Ergebnis: es ensteht eine Art Bimetall-Effekt, welcher sich nun aber in Richtung Dämmschicht auswirkt.
Daraus entsteht bei Zementestrichen das "Rückschüsseln" bzw. die konkave Randverformung.
Ich hoffe, dass ich mich verständlich ausdrücken konnte.
-.-.-.-.-.-.-
Gruß: Klaus
Hallo,
so wirklich verstehe ich das Absenken der Ecken aber nicht. Der Estrich ist feucht, wenn er eingebaut wird. dann findet die Trocknung statt, die nunmal oben schneller abläuft als unten, denn die Feuchte kann duchr die Dämmschicht und/oder Folie unter dem Estrich nicht nach unten weg. OK.
Wenn sich aber die Estrichecken nach Jahren nach unten absenken kann das doch nur passieren, wenn der Estrich unten trockener ist als oben. Wo soll denn die Feuchte in der unteren Estrichschicht hin sein? Das könnte doch nur passieren, wenn der Estrich mit einem Wüstenklima vollständig durchgetrocknet wäre und dann ein Tropenklima im Raum eintritt, mit entsprechend hoher Feuchte. Das macht aber doch niemand, denn man trocknet den Estrich doch nicht stärker als bis zu seiner eigentlichen Ausgleichsfeuchte?
Grund meiner Frage ist natürlich die richtige Estrichtrocknung für unseren Neubau, um möglichst wenig Verformung zu haben. Gerade die Verformung nach unten möchte ich gerrne durch ein richtiges Trocknungsklima vermeiden. Welche Temperatur/Luftfeuchte sollte man zum Trocknen des Estrichs haben und wie lange dauert dann eine vollständige Trocknugn eines normalen, 45 mm dicken Estrichs?
Grüße,
Jojo_
Hallo Jojo,
wie im "richtigen Leben", so sind auch viele Mechananisen komplexer, als man im ersten Moment denkt.
Unter dem Oberbegriff "Trocknen" verstecken sich vielfältige Abläufe, teilweise in ihren Mechansimen sehr unterschiedliche, die dem Entzug von Wasser in flüssigem Zustand so nicht gerecht werden können.
Hydratation ist so ein Mechanismus, oder hydraulische Bindung, zum Beispiel bei Kalkputzen.
Es bedarf also keinesfalls im Badezimmer oder Wohnraum eines von Dir aufgeführten "Wüstenklimas", um eine Austrocknung des Zementestrichs in seiner unteren Randzone zu bewirken!
Eine derartige Verformung kannst Du auch nur bedingt steuern. Praktisch geht das nicht, denn Du wirst in einem üblichen Wohnhaus mit allen Eigenarten und Unwägbarkeiten geöffneter Türen und Fenster leben.
Beispiel:
Nach (nur) eigenem Empfinden könntest Du Verformungen weitestgehen vermeiden, wenn Du -ohne Ausnahmen- das Raumklima in den entsprechenden Räumen für die nächsten 3 Jahre bei konstant 50% bis 65% rel. Luftfeuchte hältst.
Sicher muss gelüftet werden, doch nur gezielt und innerhalb der Bandbreite der rel. Luftfeuchte, wie zuvor angegeben.
Ein trocknungsbedingtes Schüsseln der Estrichrandkanten wirst Du nicht vermeiden können, da Du keinerlei Einfluss hast auf den Feuchtegradienten im Estrichquerschnitt.
-.-
Bleibt abschließend mit pragmatischem Schlusswort festzuhalten:
"Vergesse Deinen unrealistischen Wunsch - und beuge Dich wie alle anderen Bauherren den unausweichlichen Gesetzen der (Bau)Physik!"
-.-.-.-.-.-
Gruß: Klaus
Hallo Jojo_
Jezt versuche ich es auch einmal, Dir physikalische und materialbezifische Zusammenhänge beim Trocknen eines Zementestrichs so einfach wie möglich zu erklären. Es steckt aber noch mehr dahinter, was ich mal hier weg lassen möchte.
Das "Ausfschüsseln", also die konkave Verformung entsteht, wenn ein Stoff, hier Zementestrich, beim Trocknen schwindet und dieser Vorgang (Trocknung) an der Oberfläche größer ist als im Querschnitt, bzw. an der Unterseite. Wenn also ein Zementestrich oben trockener ist als unten, ist die Oberseite kürzer als die Unterseite. Daher kommt also die konkaver Verwölbung.
Hat jetzt der Estrich die Möglichkeit, langsam und gleichmäßig zu trocknen, geht diese Verwölbung wieder zurück. Dem steht aber die Festigkeit des Estrich etwas entgegen, so dass dieser Vorgang etwas mehr Zeit braucht. Die Estrichscheibe wird dann oben und unten annähernd gleich trocken und damit auch gleich lang. Danach wird kaum noch eine Verformung nach unten, also eine konvexe Verformung erfolgen. Die spannenden Frage ist nur, wann ist der die Estrichscheibe wirklich ganz trocken?? Bei 3,5 % gedarrt? bei 2 CM %??? Was ist Belegereife, was ist Ausgleich- oder Haushaltsfeuchte, welche Rolle spielt die Gesteinskörnung und das Bindemittel, denke mal an CEM II Zemente.
Es wurde mir berichtet, dass z.B. ein bestimmter Schnellzement nach 2 Jahren eine Feuchte von 0,5 CM % hatte. Ich habe auch normale Zementestriche gemessen, die nach Jahren nahe bei 1 CM % waren.
Die zweite spannende Frage ist: was geschieht in der Zeit von der Belegereife mit 2 CM % bis zur der Zeit, bis ein Estrich die tatsächliche Haushaltsfeuchte, die anhängig vom Klima ist, möglicherweise 1 CM % oder gar 0,5 CM %, erreicht hat?
Gibt es hier noch ein Schwinden des Estrichs und wie groß ist Dieses?
Nehmen wir also mal an, dass auf einen Zementestrich, der 2 CM % erreicht hat, Fliesen geklebt werden (Feuchte des Vorstrichs und Fliesenkleber lassen wir mal außen vor), dann hat ja die Estrichoberfläche zu diesem Zeitpunkt eine Länge bzw. Größe von X. Trocknet die Estrichscheibe nach der Verlegung der Fliesen weiter und schwindet diese Estrichscheibe, steht die Fliesenscheibe dem Schwinden entgegen, dann gibt es eine konvexe Verformung. Nehmen wir mal an, dass die Feuchte aber größer als 2 CM % war und rechnen den Feuchteeintrag des Vorstrichs und des Fliesenklebers noch dazu, dann ist so klar wie dicke Tinte, dass nachträglich, wenn der Estrich im Laufe der Monate und Jahre weiter trocknet (schwindet) die Verformung größer wird.
So entstehen, vereinfacht gesagt, konvexe Verformungen, das geht auch mit anderen Belägen oder mit Spachtelmassen.
Jetzt alle Klarheiten beseitigt?
Gruß Bertram Abert
Hallo,
das mit dem Fliesenbelag oder jedem anderen starren Belag vertsehe ich. Wenn die Fliesen zu früh draufkommen bevor der Estrich seine Ausgleichsfeuchte hat, und er dann noch weiter trocknet, dann wölbt er sich nach unten. Also wäre doch die ideale Lösung, im Haus ein gleichbleibendes 50% rF Klima herzustellen, dieses über 3 Jahre zu halten und dann die Fliesen zu kleben. Ok, das ist nicht praktikabel.
Würde denn dann eine Absenkung der Ecken bei Verlegen eines flexiblen Teppichs nicht stattfinden?
Danke,
Jojo_
(Zitat) >Also wäre doch die ideale Lösung, im Haus ein gleichbleibendes 50% rF Klima herzustellen, dieses über 3 Jahre zu halten und dann die Fliesen zu kleben. Würde denn dann eine Absenkung der Ecken bei Verlegen eines flexiblen Teppichs nicht stattfinden?<
Antwort: Wahrscheinlich nicht (in bemerkenswertem Umfang)
-.-
Wenn Du das Risiko keinesfalls eingehen möchtest, lasse Dir einen konventionellen Calciumsulfatestrich einbauen.
Der schüsselt nicht - und neigt daher auch nicht zum "Rückschüsseln"!
-.-.-.-.-
Abschließend zu diesem Thema grüßt: Klaus